Kann man Legasthenie behandeln?
Ja, Legasthenie lässt sich behandeln – auch wenn sie, wie im Artikel "Ist Legasthenie heilbar?" beschrieben, nicht im klassischen Sinne heilbar ist. Zwischen "heilen" und "behandeln" liegt ein wichtiger Unterschied: Während Heilung die vollständige Beseitigung einer Störung meint, zielt Behandlung darauf ab, die Auswirkungen zu reduzieren und dem betroffenen Kind einen möglichst selbstständigen Umgang mit Lesen und Schreiben zu ermöglichen. Und genau das ist bei Legasthenie in vielen Fällen gut möglich.
Was bedeutet "Behandlung" bei Legasthenie?
Anders als bei körperlichen Erkrankungen gibt es bei Legasthenie kein Medikament und keinen Eingriff, der die Störung beseitigt. Behandlung bedeutet hier vor allem: gezielte, systematische Förderung der betroffenen Fähigkeiten. Im Zentrum steht die sogenannte integrative Lerntherapie, häufig auch als Legasthenietherapie bezeichnet.
Diese Therapie setzt nicht an den Symptomen an – also nicht am bloßen Üben von Diktaten oder Vorlesen –, sondern an den zugrunde liegenden Fähigkeiten, die für das Lesen und Schreiben notwendig sind.
Eine gute Legasthenietherapie beginnt dort, wo die individuellen Schwierigkeiten eines Kindes tatsächlich liegen – nicht beim aktuellen Schulstoff, sondern oft mehrere Entwicklungsstufen davor.
Welche Behandlungsansätze gibt es?
Integrative Lerntherapie Dies ist die am häufigsten empfohlene Form der Behandlung. Sie kombiniert fachliche Förderung mit einer Berücksichtigung der emotionalen Situation des Kindes, da viele Kinder mit Legasthenie durch wiederholte Misserfolge zusätzlich unter Versagensängsten oder einem geschwächten Selbstwertgefühl leiden. Die Therapie findet meist einzeln oder in Kleingruppen statt und wird von speziell ausgebildeten Lerntherapeutinnen und -therapeuten durchgeführt. Mehr zu diesem Therapieansatz findest du auf der Seite Lerntherapie.
Multisensorisches Lernen Viele wirksame Methoden setzen auf die Einbindung mehrerer Sinneskanäle gleichzeitig – etwa das Nachfahren von Buchstaben mit dem Finger, während gleichzeitig der Laut gesprochen wird. Diese Verknüpfung von Hören, Sehen und Fühlen unterstützt die Verarbeitung im Gehirn und kann die Automatisierung erleichtern.
Logopädische Unterstützung Bei Kindern, bei denen zusätzlich Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung oder der Lautwahrnehmung bestehen, kann eine logopädische Begleittherapie sinnvoll sein, oft in Ergänzung zur Lerntherapie.
Psychologische Begleitung Wenn die Legasthenie zu erheblichem Leidensdruck, Schulangst oder psychosomatischen Beschwerden geführt hat, kann eine begleitende psychotherapeutische Unterstützung notwendig werden. Diese ersetzt die fachliche Förderung nicht, ergänzt sie aber in belasteten Fällen sinnvoll.
Wie wirksam ist eine Behandlung?
Die Wirksamkeit einer Legasthenietherapie ist wissenschaftlich gut belegt, insbesondere wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind:
Frühzeitiger Beginn: Je früher eine Förderung einsetzt, desto größer sind in der Regel die Fortschritte. Das bedeutet nicht, dass eine spätere Behandlung wirkungslos ist, aber ein früher Start erleichtert den Prozess erheblich.
Regelmäßigkeit und Dauer: Eine wirksame Behandlung erstreckt sich meist über einen Zeitraum von mehreren Monaten bis zu ein bis zwei Jahren, mit regelmäßigen wöchentlichen Sitzungen. Kurzfristige Interventionen zeigen selten nachhaltige Effekte.
Qualifikation der Therapeutin oder des Therapeuten: Eine fundierte Ausbildung in integrativer Lerntherapie.
Einbindung des häuslichen Umfelds: Studien zeigen, dass Kinder, deren Eltern die Therapieinhalte im Alltag unterstützend begleiten, tendenziell schneller und nachhaltiger Fortschritte machen.
Was kann realistischerweise erreicht werden?
Der Erfolg einer Behandlung zeigt sich individuell sehr unterschiedlich. Manche Kinder holen im Laufe der Zeit einen Großteil ihres Rückstands auf und zeigen später kaum noch auffällige Schwierigkeiten. Bei anderen bleiben Einschränkungen bestehen, die sich jedoch durch erlernte Strategien und Hilfsmittel gut kompensieren lassen – etwa durch Rechtschreibprogramme, strukturierte Lesetechniken oder mehr Zeit bei schriftlichen Aufgaben.
Wichtig ist ein realistisches Verständnis von Behandlungserfolg: Das Ziel ist selten "keine Fehler mehr", sondern eine deutliche Verbesserung der Lese- und Schreibfähigkeiten sowie ein selbstbewusster, kompetenter Umgang mit den verbleibenden Schwierigkeiten.
Ergänzende Maßnahmen im schulischen Kontext
Neben der eigentlichen Therapie kann auch ein sogenannter Nachteilsausgleich in der Schule Teil der Behandlung im weiteren Sinne sein. Dazu zählen etwa verlängerte Bearbeitungszeiten bei Klassenarbeiten, mündliche statt schriftliche Prüfungsformen oder der Verzicht auf die Bewertung der Rechtschreibung in bestimmten Fächern. Diese Maßnahmen behandeln zwar nicht die Legasthenie selbst, verringern aber den schulischen Druck erheblich und schaffen Raum für die eigentliche therapeutische Arbeit.
Fazit
Legasthenie lässt sich behandeln, auch wenn sie nicht heilbar ist. Durch eine qualifizierte, kontinuierliche Lerntherapie können die zugrunde liegenden Schwierigkeiten gezielt angegangen und die Lese- und Schreibfähigkeiten deutlich verbessert werden. Entscheidend für den Erfolg sind ein früher Beginn, Kontinuität, eine fundierte therapeutische Qualifikation sowie die Unterstützung im familiären Umfeld. Wer sich mit der Frage "Kann man Legasthenie behandeln?" beschäftigt, kann die Antwort also klar mit Ja beantworten – verbunden mit dem Hinweis, dass Behandlung hier Prozess statt einmaliges Ereignis bedeutet.
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